"Nutzer trugen ihre Daten auf der Warteliste ein, wie bei einem Club mit Türsteher"

Ein Schweizer Unternehmen, das in den USA seinen Grundstein hat: die Geschichte von Zattoo ist so bunt wie das Farbfernsehen. Im interview mit Zattoo Gründerin Bea Knecht verrät sie, wie es zu der Idee von TV-Streaming kam, was es mit dem Namen "Zattoo" auf sich hat und wo sie die Firma in Zukunft sieht.

Abschaltung

Wie kamst du auf die Idee, Zattoo zu gründen?

1990 habe ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit der Möglichkeit beschäftigt Live-TV im Internet zu verbreiten. Dazu habe ich berechnet, wie schnell die Chipsets in unseren Internet-verbundenen Geräten sein müssen, um Live-TV über Internet möglich zu machen. Jedoch erst um das Jahr 2005 wurden diese Chipsets zum Allgemeingut und für private Haushalte genutzt. Die Übertragung der Signale war aber immer noch sehr teuer. Und so brauchte es noch eine geheime Zutat, die das lösen würde. Diese kam dann von meinem Geschäftspartner und Studienkollege in den USA Professor Sugih Jamin. Er hat es geschafft, eine konkurrenzlos günstige Übertragungstechnik für Live-TV im Internet anzubieten.

Ich kannte Sugih aus meinem Informatik-Studium in Berkeley. Wir hatten schon früh die Idee an einer gemeinsamen Unternehmensgründung zu arbeiten. Doch erst 2005 fingen wir an meine Idee der Live-TV-Übertragung im Internet und seine Technologie zu einem Produkt auszubauen. Dazu flog ich von San Francisco, wo ich damals arbeitete, nach Ann Arbor, in Michigan, um seine Doktoranden zu treffen und mit ihnen und Sugih gemeinsam an der Gründung von Zattoo zu arbeiten. Wir wollten erstmals Live-TV für den Zuschauer kostenfrei und rechtlich einwandfrei lizenziert im Internet anbieten und diese Idee über die ganze Welt ausrollen.

Was bedeutet der Name Zattoo?

Das Wort “Zattoo” stammt aus dem Japanischen und bedeutet “eine grosse Menge Menschen”. Und genau das ist es was wir wollten: eine grosse Menge Menschen zum gemeinsamen Live-TV-Erlebnis im Internet versammeln.

Für das Logo von Zattoo wählte ich die Farben Schwarz und Orange. Ein “o” in unserem Namen sollte wie ein TV-Bildschirm aussehen, um direkt zu zeigen, worum es bei Zattoo geht.

Warum startete der Dienst von Zattoo in der Schweiz und nicht in den USA?

Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich als Schweizerin als ersten Markt die Schweiz für Zattoo erschloss. Als TV-Streaming-Anbieter hat Zattoo ein paar bahnbrechende Lösungen für die ganze Live-TV-Branche entwickelt. Dazu gehört unter anderem die rechtlich einwandfreie Lizensierung von TV-Signalen. Dafür bot die Schweiz damals die fortschrittlichsten Rahmenbedingungen für die Lizenzierung von Rechten zur Verbreitung von Fernsehen. Auch wenn die Idee hinter Zattoo in den USA entstanden ist, gestaltete sich die Lizenzierung dort als dermassen komplex, dass wir diesen Markt zurückgestellt haben.

Wie wurde der Start damals aufgenommen und was waren die grössten Hürden?

Zattoo startete erstmals am 6. Juni 2006, direkt zum Eröffnungsspiel der Fussball-WM. Das war für unsere Entwickler ein voller Triumph, denn sie meisterten die grosse Herausforderung, eine fertige Software zu liefern, welche Nutzer willig auf ihre Rechner heruntergeladen haben. Auch ein grosser Erfolg war der Aufbau und die Finanzierung des Teams und der Technik. Bis zum Schluss blieb der Start von Zattoo spannend: Nur wenige Tage vor dem Start haben wir bemerkt, dass Satellitenschüsseln für den Live-TV-Empfang auf dem Dach unseres Rechenzentrums nicht wie vereinbart mit Servern im Innenbereich verbunden waren. Gerade noch rechtzeitig konnten wir eine Kernbohrung durch die Decke des Rechenzentrums inklusive Abnahme durch Elektriker und Brandexperten erwirken. Die Genehmigungen zu bekommen dauert normalerweise Wochen. In Summe haben wir grosse und kleine Berge bewegt, um das Live TV Angebot von Zattoo zu lancieren.

2006 war die Fußball-WM. Zattoo ging online. Wie viele User hatte Zattoo damals und wer waren diese?

Das Interesse an unserem Angebot war hoch. Nutzer trugen ihre Daten auf der Warteliste ein, wie bei einem Club mit Türsteher. Wir hatten innerhalb von sechs Monaten um die 100.000 Registrierungen. Wir haben früh festgestellt, dass vor allem junge Männer unseren Service nutzen. Deshalb war mir von Anfang an die Kommunikation auf Augenhöhe sehr wichtig und dass wir unsere Nutzer mit “Du” ansprechen. Wir sind zu Beginn übrigens vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewachsen. Wir hatten kaum Marketingausgaben.

Was war damals deine Vision von Zattoo und hat sie sich erfüllt?

Unsere Vision war Live-TV für die ganze Welt möglich zu machen. Wir wollten, dass so die Welt stets informiert und gut unterhalten ist und kulturell zusammenkommt. Das wollten wir zum einen durch unser “Free”-Angebot unter der Marke Zattoo, aber auch durch die Lizenzierung unserer Software durch andere Unternehmen erreichen.

Es stellte sich aber heraus, dass aufgrund der Rechte – nicht nur der Inhalte – Zattoo höchstens multi-lokal, aber nicht global, funktionieren kann. Gleichzeitig stellten wir fest, dass das werbefinanzierte “Free”-Angebot zu wenige Marge übrig lässt, um nachhaltig wachsen zu können. Deshalb starteten wir auch mit unserem Bezahl-Angebot. Mit unserem 2011 etablierten B2B-Geschäft haben wir es letztendlich geschafft, unseren Dienst nicht nur im deutschsprachigen Raum anzubieten, sondern auch europaweite Märkte zu erschließen. Unsere Vision erfüllen wir somit Stück um Stück.

Was waren aus deiner Sicht die grössten Erfolge der letzten Jahre?

Als grössten Erfolg werte ich den raschen und entschlossenen Aufbau von Zattoo. Unser Team war extrem motiviert und engagiert. Ich empfinde die ersten beiden Jahre bei Zattoo heute noch als magisch, da wir mit einem unglaublichen Tempo vieles richtig gemacht haben. Gleichzeitig haben wir es geschafft, durch Korrekturen bei den Kosten und durch sinnvolle Re-Investments während der Finanzkrise unser Überleben zu ermöglichen. Wir haben Zattoo seitdem grösstenteils mit eigenen Mitteln finanziert und uns eine gute technische und kaufmännische Basis aufgebaut. Darauf sind wir alle stolz und das ganze Leadership Team hat grosse Stücke dazu beigetragen.

Was würdest du in der Retrospektive nicht wieder so bzw. anders machen?

Als Unternehmer sucht man das richtige Tempo: Es braucht Tempo, um abzuheben. Alleine der Schweizer Markt hätte nicht genügend Tempo hergegeben. Wären wir nur in diesem Markt geblieben, wäre aus Zattoo ein Bonsai-Startup geworden: fein, aber klein. Die Technikkosten hätten ohne Auslandexpansion nicht auf genügend Zuschauer umgelegt werden können. Unsere Technik hätte im Live-TV nicht dermassen führend werden können. Die Expansion von Zattoo in den Jahren 2007 bis 2008 über die Schweiz hinaus in Nachbarländer war also notwendig – aber ich würde die Expansion bei einer zweiten Chance staffeln, statt parallel laufen zu lassen, und ich würde sie erst auslösen, nachdem die Monetarisierung des Schweizer Geschäfts ausreichend erwiesen wäre.

Wo glaubst du, steht Zattoo in 15 Jahren?

Ich beginne mit den nächsten 5 Jahren: TV wird auf allen Geräten stattfinden, die Technik wird günstiger werden und das Nutzererlebnis wird sich weiter verbessern. Zattoo ist hierfür der beste Partner und Anbieter.

Auf dem Weg in Richtung der nächsten 10 Jahren haben wir die Chance, einer der Top 3 der globalen TV-Streaming-Anbieter zu werden. Über die nächsten 10 Jahren hinaus wird eine Menge im TV-Markt passieren. Die Technik wird weiter verbessert, Live-TV- und Video-on-Demand-Inhalte werden mehr und mehr verschmelzen und die unterschiedlichen Player im Markt rücken weiter zusammen. Wie Zattoo sich hier entwickeln wird kann ich an der Stelle noch nicht sagen. Auf jeden Fall sind wir, wie schon vor 15 Jahren, auch heute technologischen führend und haben die besten Experten der Branche an unserer Seite.

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